Indien setzt trotz Klimabedenken auf Kohle, da die Stromnachfrage steigt
Das Kraftwerk Tuticorin auf den Salztonebenen im Süden Indiens ist ein Beispiel für eine der größten Herausforderungen für Indiens schnell wachsende Wirtschaft: die Sicherstellung einer zuverlässigen Energieversorgung für die riesige Bevölkerung von 1,4 Milliarden Menschen.
Das Kraftwerk Tuticorin, ein riesiges Kohlekraftwerk im Süden Indiens, verdeutlicht ein Dilemma des Landes. Ursprünglich war die Schließung des Kraftwerks wegen seines Alters und der Unfähigkeit, neue Emissionsstandards zu erfüllen, geplant, es ist jedoch weiterhin mit voller Kapazität in Betrieb. Diese anhaltende Abhängigkeit von einer veralteten Anlage, die Kohle verbrennt, die über weite Strecken transportiert wird, vergrößert Indiens gesamten CO2-Fußabdruck.
Indiens Strombedarf steigt aufgrund steigender Einkommen, höherer Temperaturen und der vermehrten Nutzung von Klimaanlagen rasant an. Dieses rasante Wachstum belastet das Stromnetz des Landes. Trotz des Versprechens von Premierminister Modi, erneuerbare Energiequellen wie Solar- und Windenergie auszubauen, ist seine Regierung nicht in der Lage, den Bedarf zu decken, was zu einer überraschenden Schonfrist für ineffiziente Kohlekraftwerke wie Tuticorin führte.
Die jüngsten Entscheidungen von Premierminister Modi, neue Kohlekraftwerke zu genehmigen und die Laufzeit bestehender Kraftwerke zu verlängern, haben Besorgnis ausgelöst. Dieser Ansatz bringt Indien in Konflikt mit seinen Verbündeten, die zur Bekämpfung des Klimawandels sauberere Energiequellen bevorzugen. Darüber hinaus wirft er Fragen über Indiens Engagement zur Eindämmung der Luftverschmutzung und seiner beträchtlichen Treibhausgasemissionen auf.
Indiens Energieentscheidungen werden den globalen Ausstieg aus der Kohle erheblich beeinflussen. Da China, der derzeit größte Verbraucher, seinen Bedarf voraussichtlich im Jahr 2022 erreichen wird, geht die Internationale Energieagentur davon aus, dass Indien und die wachsenden Volkswirtschaften Südostasiens die Haupttreiber der zukünftigen Kohlenutzung sein werden.
Ashwini K. Swain, Klimaexpertin bei der Denkfabrik Sustainable Futures Collaborative, meint, Indien sende damit eine klare Botschaft: Zwar unterstütze das Land globale Maßnahmen zum Klimaschutz, doch würden letztlich die nationalen Bedürfnisse des Landes an erster Stelle stehen.
Bemühungen, das indische Energieministerium und die Tamil Nadu Generation and Distribution Corp., den Betreiber des Kraftwerks in Tuticorin, um eine Stellungnahme zu bitten, blieben erfolglos.
Indien steht vor der Herausforderung, eine zuverlässige und erschwingliche Stromversorgung zu gewährleisten. Im Oktober 2021, zeitgleich mit der wirtschaftlichen Erholung nach der Pandemie, wurde das Land von einer schweren Kohle- und Stromkrise heimgesucht. Jahrelang stagnierende Nachfrage hatte zu einem langsamen Kapazitätswachstum in den Bereichen Bergbau, Transport und Stromerzeugung geführt.
Indiens Bemühungen, die Kohle- und Stromkrise 2021 zu bewältigen, erwiesen sich als vorübergehend. Im darauffolgenden Sommer kam es zu einem sprunghaften Anstieg der Energienachfrage, was zu den schlimmsten Stromengpässen seit acht Jahren führte. Während sich die nationale Situation 2023 verbesserte, war Maharashtra, ein wichtiger Industriestaat, im August mit einem kritischen Stromdefizit von 10 % konfrontiert, was die anhaltenden Herausforderungen verdeutlichte.
Indiens anfängliche Erholung von der Kohle- und Stromkrise 2021 war nur von kurzer Dauer. Im darauffolgenden Sommer kam es zu einem rekordverdächtigen Energiebedarf, was zu den schlimmsten Stromengpässen seit acht Jahren führte. Während sich die nationale Situation 2023 verbesserte, verzeichnete Maharashtra, ein wichtiger Industriestaat, im August ein besorgniserregendes Stromdefizit von 10 % in Spitzenzeiten, was die anhaltenden Herausforderungen bei der Sicherstellung einer zuverlässigen Stromversorgung verdeutlichte.
Indiens Reaktion auf die Stromknappheit widersprach den Erwartungen an eine grüne Energiewende. Anstatt den Ausbau erneuerbarer Energien voranzutreiben, priorisierte die Regierung den Kohlebergbau, stoppte Pläne zur Stilllegung alter Kraftwerke und erhöhte sogar die Ziele für die Kohleverstromung. Darüber hinaus setzte sie sich erfolgreich in internationalen Foren dafür ein, Beschränkungen für fossile Brennstoffe zu vermeiden.
Prakash Tiwari, ehemaliger Direktor bei Indiens größtem Energieproduzenten NTPC Ltd., betont, wie wichtig es sei, leicht verfügbare Ressourcen zu nutzen. Seine Aussage: „Als Land sollten wir unsere Stärken ausspielen, und Kohle ist unsere Stärke“ spiegelt Indiens derzeitigen Fokus auf die Nutzung vorhandener Kohlereserven zur Deckung des Energiebedarfs wider.
Einer breiten Einführung erneuerbarer Energiealternativen stehen finanzielle, politische und sicherheitsrelevante Hindernisse im Weg.
Obwohl Indien sich auf Kohle konzentriert, gewinnen erneuerbare Energien an Bedeutung. Etwas außerhalb von Tuticorin demonstrieren ein Solarkraftwerk und umliegende Windparks, die von Ayana Renewable Power betrieben werden, das Potenzial erneuerbarer Energien mit Energiespeicherlösungen, insbesondere für industrielle Nutzer. Dieser Trend steckt jedoch noch in den Kinderschuhen. Solarenergie trug 2023 nur 6 % zur indischen Stromerzeugung bei (basierend auf Bloomberg-Berechnungen auf Grundlage von Daten des Energieministeriums), was die Dominanz der Kohle im derzeitigen Energiemix des Landes unterstreicht.
NLC India Ltd., ein weiterer staatlicher Energieproduzent, setzt auf fossile Brennstoffe. Laut Chairman M. Prasanna Kumar investiert das Unternehmen mehr als doppelt so viel in den Ausbau der Kohle- und Braunkohle-Stromerzeugung und des Bergbaus als in Projekte für erneuerbare Energien.
Erdgas, das als saubere Alternative zu Kohle angepriesen wird, steht in Indien vor Herausforderungen. Trotz der Förderung durch die Industrie bleiben fast 25 Gigawatt gasbetriebener Kraftwerkskapazität jahrelang ungenutzt. Billigere Kohle und der Mangel an leicht verfügbarem, erschwinglichem einheimischem Gas machen es Erdgas schwer, auf Indiens kostensensiblem Strommarkt zu konkurrieren, selbst mit importiertem Flüssigerdgas.
Der Ausbau der Wasserkraft in Indien steht vor ökologischen und sozialen Hürden. Zwar bietet der Himalaya Potenzial für Staudämme, doch in der Region kommt es häufig zu extremen Wetterereignissen. Dies wirft Sicherheitsbedenken auf und schürt den Widerstand der Einheimischen, was zu Projektverzögerungen und steigenden Kosten führt und letztlich viele Wasserkraftprojekte unrentabel macht.
Atomkraft, die anderswo als emissionsarme Alternative gilt, hat in Indien nicht viel Anklang gefunden. Trotz einer weltweiten Renaissance leidet Indiens Atomprogramm unter langsamen Fortschritten und anhaltenden Sicherheitsbedenken. Das Gesetz zur Haftung für Atomkraftwerke des Landes, das die Lieferanten für Unfälle haftbar macht, schreckt von der Teilnahme ab. Darüber hinaus schürt die öffentliche Erinnerung an die Gaskatastrophe von Bhopal im Jahr 1984 Ängste um die nukleare Sicherheit.
Indiens Ausbau der Atomenergie stößt auf Widerstand vor Ort. Ein typisches Beispiel hierfür ist das Atomkraftwerk Kudankulam, das etwa 145 Kilometer südlich von Tuticorin liegt und erheblich ausgebaut werden soll. Mildred, eine 52-jährige Bewohnerin des nahegelegenen Dorfes Idinthakarai, ist zu einer prominenten Gegnerin des Projekts geworden. Sie reist aktiv durch das Land und sensibilisiert für die Risiken der Atomenergie.
Kürzlich deutete ein Aktivist auf nahegelegene Windräder und fragte, warum erneuerbare Energien nicht die primäre Energiequelle sein könnten.
Indien trieb den Ausbau der Atomenergie durch internationale Kooperationen voran. 2008 öffnete ein Abkommen mit den USA die Türen für neue Atomprojekte. Auch mit ausländischen Reaktorlieferanten wie General Electric-Hitachi, Westinghouse Electric und Areva SA (später in Electricite de France umgewandelt) wurden Vereinbarungen geschlossen. Das indische Gesetz zur strikten Haftung hielt jedoch einige Unternehmen wie GE-Hitachi von einer Teilnahme ab.
Im Westen Maharashtras war einst der Bau eines riesigen Atomkraftwerks geplant. Diese Anlage, die in der Nähe der Alphonso-Mangoplantagen geplant war, wäre mit einer Leistung von 9,6 Gigawatt die größte der Welt gewesen.
Der Widerstand der Anwohner gegen den Landerwerb brachte das Projekt zum Stillstand. Kiran Dixit, ein ehemaliger Geschäftsführer der staatlichen Nuclear Power Corp. of India Ltd., sah sich mit dem Widerstand der Anwohner konfrontiert, die ihr Land nicht für das geplante Atomkraftwerk verkaufen wollten.
Die Einheimischen widersetzten sich zunächst dem Landerwerb, da sie eine geringe Entschädigung und mögliche Auswirkungen auf ihre Lebensgrundlagen, darunter Fischerei und Mangoanbau, befürchteten. Die staatliche Nuclear Power Corp. of India Ltd. ging auf einige dieser Bedenken ein und erwarb das Land schließlich, so der ehemalige Geschäftsführer Kiran Dixit. Das Jaitapur-Projekt ist jedoch weitgehend ins Stocken geraten, da die Verhandlungen über die endgültigen Bedingungen des Vertrags noch andauern.